Amy&Pink: Von provokativen Inhalten zur Belanglosigkeit

Amy&Pink war im Netz lange allgegenwärtig. Der Mix aus nerdy Themen, dem lockeren Umgang mit Sexualität und überheblicher Coolness kam gut an und provozierte. Diese Zeiten sind lange vorbei.

Amy & Pink beschreibt sich selbst als eine der “innovativsten und mutigsten Online-Publikationen unserer Zeit“. Thematisch befasst sich das Online-Magazin mit Musik, Technik, schönen Frauen, viel Sex und zweifelhaften Trends.

Der Anfang

Ich hab Amy&Pink vor etwa 5 bis 6 Jahren entdeckt. Damals gab es Netzmädchen, Teen Little Missions und jede Woche tolle Blogtipps. Ich war jung, unerfahren und ins Internet verliebt. (Heute ist es ja eher eine Beziehung mit Höhen und Tiefen).

Ich fand die selbstbewussten Mädchen, die sich nackt in ihrer Wohnung zeigten unangepasst, selbstbewusst und wunderschön. Beim Lesen der Wochenendtipps fühlte ich mich selbst unheimlich langweilig und war begeistert von Marcels Humor und seiner Kreativität.

Ich hab jeden Artikel aufgesogen wie heute Gin Tonic. Ich will nicht übertreiben, aber es war meine kleine Bibel, die mir den Weg ins gr0ße Berlin erschloss.

Der Wandel

Als Fan von Amy&Pink war man jeher Gegenwind gewohnt. Kritische Kommentare zu den Themen, der Vorwurf der billigen Provokation und der Belanglosigkeit.

Vor drei, vier Jahren nannte sich Amy&Pink in “Neue Elite” um. Gründer und Herausgeber Marcel Winatschek war unzufrieden mit der vergangenen Entwicklung seines Blogs. “Neue Elite” sollte anders werden und scheiterte. Nach einem halben Jahr hieß alles wieder Amy&Pink. Danach wurde Amy&Pink englischsprachig. Danach wieder deutsch. Wieder englischsprachig. Seit ein paar Wochen ist es wieder deutschsprachig.

(Verzeiht mir, wenn ich was durcheinander geschmissen habe, meine Erinnerungen sind nur selektiv.)

Die Unzuverlässigkeit

Wer einen Blog hat – oder zumindest einen Instagram-Account – weiß, welch ein großes Risiko Umbenennung und Neuausrichtung mit sich bringen. Ich hab Marcel immer dafür bewundert, wie locker er solch ein Risiko auf sich nahm.

Was dein digitales Ich aber wirklich killt, ist Unzuverlässigkeit und Unregelmäßigkeit. In jedes Relaunch ist Marcel mit vielen Erwartungen und großen Ankündigungen gestartet, um sie alle ein paar Wochen später wieder auf den Haufen zu werfen. Aber ohne es zu kommunizieren.

Ein Blog, darf, ja muss sogar frei sein. Es muss nicht alles getaktet sein oder perfekt. Doch wer sich selbst Magazin nennt, seine Seite mit Werbung zuklatscht, erweckt gewissen Erwartungen. Diese ständig zu enttäuschen, kratzt am Image. Statt jung, provokativ und neu wirkt es aufgesetzt, unschlüssig und naiv.

Das Heute

Zurzeit nennt sich Amy&Pink im Untertitel”die neue Stimme“. Wofür die Seite aber genau steht, könnte ich euch nicht mehr sagen. Die Themenmischung ist wirr, keine Meinung mehr erkennbar. Und die Werbung hat die Überhand gewonnen. Die Seite wirkt lieblos, versucht durch Artikel wie “Warum ich gut im Schwänze lutschen bin – und du nicht” zu provozieren. Nur das es heute kaum noch jemanden zu interessieren scheint.

Amy&Pink war die Stimme einer Generation – heute ist es nur noch ein krätzenes Flüstern.

Einen guten Text über Amy&Pink, deren Wandel zu “Neue Elite” und zurück gibt es übrigens bei meedia.

 

Warum die Insolvenz von American Apparel schrecklich ist

American Apparel war jahrelang seiner Zeit voraus. Mode von der Stange für Menschen, die sich dem Mainstream nicht zugehörig fühlen. Nun hat das Textilienunternehmen Insolvenz angemeldet. Ein Kommentar.

American Apparel. Das sind doch die mit den halbangezogenen Models in engen Bodies. Die Kleidung, die mehr nach Gymnastik, als nach Mode aussieht. Das Unternehmen, das mit beschamhaarten Schaufensterpuppen schockierte.

Das Textilunternehmen wurde 1997 in Amerika gegründet. Damals war der Leitfaden von AA innovativ: Faire, in Amerika produzierte Mode zu bezahlbaren Preisen. Auch wenn es die Kleidung an der Stange zu kaufen gibt, so sieht sie lange nicht so aus. Die Kleidung ist hauteng, bedeckt häufig nur kleinteilig die privaten Zonen.

American Apparel war damals seiner Zeit voraus. Mittlerweile wurde das Unternehmen von der Zeit überholt; gar überrollt. Auch wenn ich die Kleidung oft belächelt habe, so droht doch eines der wichtigsten Modelabels der Jetztzeit unter zugehen.

American Apparel kämpft sein jeher gegen das gängige Schönheitsideal ohne dafür Applaus einzufordern. Die Models ähneln nicht den Laufstegpilgerinnen oder den Plakatschönheiten. Es sind Frauen aus der Wirklichkeit, die sich auch mal unvorteilhaft in den viel zu engen Bodies räkeln. Immer provokant, aber nie nach Aufmerksamkeit bettelnd.

2013 wollte American Apparel eines der bescheuersten Tabus unserer Zeit brechen: Das Schamhaar. Die Schaufenster in New York wurden von Puppen ohne abrastiertes Scham geschmückt, das kess unter der Unterwäsche hervorlugte. Obwohl Sex Sells längst ein Marekting-Garant ist, sorgten die Schaufenster weltweit für Empörung. In einer Gesellschaft, in denen schon jungen Mädchen eingebläut wird, Behaarung – außer auf dem Kopf – sei eklig, war das ein mutiger und wichtiger Schritt.

Doch am Wichtigsten sind wohl die Arbeitsbedingungen unten denen AA seine Kleidung fertigt. Eingenäht in den Pullis und Shirts ist nicht etwa ein “Made in Bangladesh”-Emblem, sondern “Made in USA”. AA produziert in Los Angeles und setzt sich dort stark für die Rechte von Immigranten ein. So zahlt das Unternehmen den doppelten Mindestlohn und bietet den Beschäftigten eine Krankenversicherung.

Auch wenn die Insolvenz nicht das Ende von American Apparel bedeutet, so sollte es uns doch in Aufruhr versetzten. Läden, die rein von Profit getrieben Umwelt und Menschenrechte vergessen, haben modeliebende Fans ohne Ende, während die Pioniere dabei sind unterzugehen.

Quellen:

American Apparel: About us

Zeit Magazin: Gegen die Wand von Alex Bohn

Spiegel Online: Schamhaar-Provokation in New York