Lessons learnt: Ein halbes Jahr Home Office

Im Home Office zu arbeiten war für mich lange ein Traum. Mittlerweile ist er seit einem halben Jahr Wirklichkeit und hat ein bisschen Glanz eingebüßt.

Freiberuflich arbeiten wird stark idealisiert. Es klingt nach Lust und Laune, Laptop im Bett und coole Projekte. Natürlich ist es in Wahrheit anders. Die freie Zeiteinteilung, die entspannte Atmosphäre deines Zuhauses und morgens kein U-Bahn-Gequetsche sind klare Vorteile. In der Vorstellung schaut also alles super aus, nichtsdestotrotz musste ich mir in den vergangen Monaten einige Eingeständnisse machen.

Lessons Learned Home office Freiberufler

1. Du arbeitest mehr

Selbst wenn du eine hohe Arbeitsmoral hast, beinhaltet ein Tag im Büro eben auch: Kaffee/Tee/Wasser holen, ein kleines Schwätzchen mit Kollegen, Make-Up und Frisuren Check auf der Toilette. In acht Stunden im Büro arbeitest du effektiv wahrscheinlich sechs. Höchstens.
Zuhause kochst du zwar ebenso Kaffee oder telefonierst mit einer Freundin, diese Zeit kannst du dem Kunden aber nicht abrechnen. Und während ich arbeite, vermeide ich auch bewusst Dinge, die mich stören könnten. Wenn ich an einem Artikel arbeite, liegt das Smartphone gerne eins, zwei Stunden umgedreht und lautlos auf dem Tisch. Meinen Kaffee habe ich vor Beginn gemacht und eingehende Nachrichten beantworte ich erst, wenn mein Timer wieder aus ist.

In acht Stunden so viel schaffen, wie sonst an zwei Tagen im Büro ist natürlich großartig. Aber Arbeit ohne diese kleinen Pausen ist auch anstrengender. Und fühlt sich mehr nach Arbeit an. Außerdem sollte man beachten, das einen in der Regel niemand für die Schnelligkeit bezahlt.

2. Du hast keinen festgelegten Alltag mehr

Der “Alltag” hat ein sagenhaft schlechtes Image. Dabei bietet er dir Halt und Orientierung. Na klar, es ist wunderbar, wenn du um 10 aufstehen kannst und dich um 14 Uhr erst einmal gemütlich zum Mittagessen triffst.

Der Nachteil: Niemand gibt dir Routine. Du bist also selbst dafür verantwortlich, deinen Alltag sinnvoll zu strukturieren. Das ist gar nicht so einfach. Denn du musst nicht nur die anfallenden Arbeit erledigen, sondern auch die Wohnung putzen, Essen kochen und eine Stunde am Tag Bewegung sollte ja auch noch drin sein.

Und am Anfang ist es ziemlich doof, Verabredungen am Abends ausschlagen zu müssen, weil noch ein Haufen Arbeit auf deinem Schreibtisch liegt.

3. Fehlende Trennung zwischen Arbeit und Privatleben

Seitdem ich im Home Office arbeite, arbeite ich gerne ein paar Sachen im Bett ab – oft noch vor dem Frühstück. Ich liebe die frühen Morgenstunde dafür, dass sie so ruhig sind. An anderen Tagen arbeite ich gerne abends oder nachts, um überschüssige Energie loszuwerden.

Als Freiberufler hast du bei vielen Jobs keine festen Arbeitszeiten. Das hat viele Vorteile und bedeutet eben den Wegfall des Alltags. Es bedeutet aber auch, dass kein Arbeitsweg dich von deiner Arbeit trennt. Und dass du deinen Laptop, dein Smartphone und sonstige Geräte für zwei, teils konkurrierende, Zwecke nutzt.

Mit der Arbeit ins Bett zu gehen, neben ihr aufzuwachen und zu frühstücken kann eine wunderbar entspannte Beziehung sein. Sie kann einen aber auch unter Druck setzen und endlos stressen. Sich selbst einen Feierabend zu setzen und sich auch mal ein freies Wochenende zu schaffen empfinde ich daher als sehr wichtig.

4. Den Job in der Tasche

Bisher habe ich keinen Freiberufler kennengelernt, der seine beruflichen Mails und Telefonate nicht auf das private Handy bekommen hat. Das Lesen von Slack-Nachrichten im Bus oder abends in einer Bar ist also keine Seltenheit.

Egal, wo ich bin: Auf meinem Smartphone trudeln munter Arbeitsmails ein. Mein Abeitskollege schreibt mir bei Slack – selbst, wenn ich entschieden habe, heute erst später zu arbeiten. Oder mein selbst festgelegtes Soll bereits erledigt habe.

Wer sich entscheidet, freiberuflich und/oder im Home Office zu arbeiten, muss sich bewusst sein, dass er nicht nur die Grenze zwischen beruflich und privat selbst setzen muss. Er muss auch die Ruhe finden, diese Grenzen auszuhalten. Sich nicht stressen lassen. Und das Selbstverständnis entwickeln, dass man als Freiberuflerin nicht 24h erreichbar sein muss.

5. Kein Bürofeeling

Als ich noch im Büro gearbeitet habe, hab ich die Stimmung im Büro immer sehr genossen. Zusammen mit anderen an Projekten und der ganzen Marke arbeiten macht unheimlich Spaß, wenn alle mit Leidenschaft dabei sind. Die Arbeit in einem motivierten, progressiven Team motiviert mich selbst unheimlich.

Nicht zu vergessen, die kleinen Gespräche mit Kollegen. Die Running-Gags im Büro, das gemeinsame Essen und sie spannenden Gäste und Besucher, die ab und an vorbei schauten.

Im Home Office bin ich allein. Ich muss mich selbst motivieren und bespaßen. Dadurch bin ich zwar konzentrierter, das besondere Bürofeeling vermisse ich trotzdem manchmal. Ich glaube, wer im Home Office arbeitet, muss sich selbst gern mögen, damit er sich überhaupt den ganzen Tag aushält. Außerdem darf dein Job für dich nicht nur Mittel zum Zweck sein.

Home Office Lessons Learnt

Die Vorteile des Homeoffices liegen eigentlich auf der Hand. Unter Freiheit, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit lassen sich wohl die meisten zusammenfassen. Wer überlegt, freiberuflich und/oder im Homeoffice zu arbeiten, sollte sich mit den Nachteilen jedoch auch intensiv beschäftigen.

Ich kenne viele Leute, die für sich selbst gemerkt haben, dass sie lieber festangestellt im Büro arbeiten. Am Ende ist es eben eine Typfrage.

Was meinst Du, was sind für Dich die wichtigen Vor- und Nachteile des Homeoffices? Oder liebst du deinen Bürojob aus bestimmten Gründen?

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Warum ich nicht mehr vegan lebe

Mit der Zeit haben sich drei vier Gründe herauskristallisiert. Keiner davon ist unumstößlich, mindestens einer bestimmt eine Ausrede. Was meint Ihr?

warum ich nicht mehr vegan lebe

Der Veganismus hat mir sehr geholfen. Ich habe mehr auf meinen Körper geachtet, ganz natürlich gesünder gegessen und mich mehr mit mir auseinander gesetzt. Nach drei erfolgreichen veganen Wochen und meiner auch heute größtenteils pflanzlichen Ernährung, habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich möchte nicht streng vegan leben.

Es ist umständlich

Natürlich schreit hier die Bequemlichkeit aus jeder Zeile. „Bequemlichkeit“ ist ein dummer Grund, werden sich viele denken. Ja, auch den ersten Blick scheint es so. Eigentlich ist unsere Bequemlichkeit aber ziemlich entscheidend. Wann hast du das letzte Mal etwas aus Bequemlichkeit nicht getan? Wahrscheinlich erst gestern.

Und in vielen Fällen ist das ok. Weil zwischen Job, Studium und Haushalt manchmal kein Platz mehr für anderes ist. Wer nicht in der Großstadt lebt, ist nicht gerade umzingelt von veganen Restaurants oder flexiblen Speiseplänen. Nicht immer ist Zeit, Veganes selbst herzustellen. Und wer vegan einkauft, zahlt gerne bis zum Vierfachen des normalen Preises.

Natürlich ist ein veganes Leben umsetzbar. Man hat schnell raus, wie der Hase läuft. Vegan zu leben bedeutet aber erst einmal viele Gewohnheiten ändern, den ein oder anderen Verzicht und entweder kostet es viel Zeit oder viel Geld. In machen Phasen des Lebens (Hallo Stress!) ist das einfach schwer umsetzbar. Vielleicht ein dummer Grund, aber leider verdammt wahr.

Nachtrag 17. Juni. 16:

Aufwand und Selfcare

Veganismus hab ich ausprobiert, als ich mich mehr mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt habe. Das Problem ist: Damit hört es nicht auf. Ich möchte auch möglichst wenig Müll produzieren, regional essen, faire Kleidung tragen, mich viel bewegen. Wenn man all das zusammenzählt, wird es irgendwann zu viel.

Man vergisst sich selbst unter all den Vorsätzen. Man versucht so sehr ein guter Mensch zu sein, dass man irgendwann nur noch verzichtet. Oder sich schlecht fühlt, nur weil man einmal seine eigene Vorgaben nicht eingehalten hat. Das ist Mist.

Mein Ziel ist es, bewusst und reflektiert zu leben. Dafür ist es wichtig, auf mich selbst zu hören. Auch wenn mein Verlangen eine Currywurst oder eine H&M-Hose ist.

Nährstoffmangel

Veganer haben erfahrungsgemäß oft Mangelerscheinungen. Gerade Vitamin D, Vitamin B12 und Calcium kommen bei pflanzlicher Ernährung oft zu kurz (Quelle: PETA). Durch eine bewusste Ernährungsweise können Veganer diesen Mangel natürlich ausgleichen. Sehr oft bleibt aber doch nur der Griff zu Präparaten. Und das ist die Krux.

Veganismus Mangelerscheinung Vitamine Nährstoffe

Mir ist es zuwider, Pillen jeglicher Art einzunehmen. Gerade, wenn es sich um die Abdeckung von Vitaminen und Nährstoffen handelt, die wir eigentlich ganz natürlich aufnehmen. Noch dazu sind die Präparate synthetisch hergestellt. Wie Ungewiss die Wirkung solch unnatürlicher Vitamine ist, wird hier aufgeführt.

In vielen Präparaten finden sich außerdem Stoffe, die selbst bei Veganer gar nicht supplementiert werden müssen. Mehr dazu hier. Medikamente, egal welche, schaden zudem immer der Niere.

Medizin und Gesundheit ist für mich als Nicht-Mediziner ein undurchsichtiges Feld. Meine eigene Gesundheit ist mir aber sehr wichtig. Ich möchte mich möglichst natürlich ernähren und nicht von Präparaten oder ähnlichem abhängig sein.

Ethische Bedenken

Mein Onkel ist ausgezeichneter Milchbauer. Als kleines Kind habe ich selbst die Milchmaschine an die Euter der Kühe gesteckt. Jede der rund 100 Kühe hat einen Namen. Ich kenne die ruhigen Milchkühe und den Bullen, vor dem ich noch heute tiefen Respekt habe.

Natürlich weiß ich auch, dass es nicht überall so läuft. Trotzdem darf man nicht den Fehler machen und alle Landwirte in eine Tonne stecken. In vielen tierischen Produkten steckt gute Milch von glücklichen Tieren.

Klar ist auch, dass die große Nachfrage der Masse nicht durch solch ethisch korrekte Höfe gesättigt werden kann. Drei Liter Milch in der Woche zu trinken kann nicht gut sein. Den Verzehr von Milchprodukten grundsätzlich zu verteufeln ist aber einfach Unsinn.

Das Gleiche gilt für Eier und Fleisch. Wer Kontakt zum Landleben hat, kennt bestimmt viele Landwirte, die sich beispielhaft um ihre Tiere kümmern. An Lebensmitteln aus guter Haltung kann ich keinen Fehler entdecken.

Viel mehr sollte es doch Ziel sein, sich bewusst zu ernähren. Nichts in Massen zu essen, sondern ausgewogen. Sich zu überlegen, welche tierischen Produkte notwendig sind und welche man ersetzen kann, ohne das es einen Unterschied macht. Kuhmilch durch Hafermilch zu ersetzen oder mit Apfelmus statt Eiern zu backen ist schließlich entsetzlich einfach.

Meine Learnings

Ich würde niemals wieder unreflektiert alles in mich reinstopfen. Ich kaufe keine Eier mehr im Supermarkt. Kuhmilch hab ich durch Soja- und Hafermilch ersetzt. Auch Fleisch gibt es bei mir nicht, da ich mir Biofleisch nicht leisten kann. Und mir Gemüse und Nudeln eh besser schmecken. In Restaurants erfreue ich mich hingegen an Biofleisch. Mein Last sind ganz klar Joghurt, Quark und Frischkäse.

Nachdem ich meine drei Gründe genannt habe, würde ich mich sehr über Eure Kommentare freuen – Kritik ausdrücklich erwünscht.

Vielleicht sind das auch nur drei Ausreden, vielleicht mach ich mir selber etwas vor. Für mich sind das momentan aber drei plausible Gründe, nicht mehr streng vegan zu leben. Ändern kann sich das jederzeit.

Fest & flauschig: War doch gar nicht so schlimm

Die erste Folge “Fest und Flauschig” von Olli Schulz und Jan Böhmermann ist ab sofort auf Spotify verfügbar. Die neue Freiheit tut den Beiden gut.

Fest und Flauschif von Jan Böhmermann und Olli Schulz
Quelle: Spotify

Ein persönliche Premiere gab es bei mir parallel zur ersten Folge: Noch nie saß ich morgens gespannt mit Müsli, Ingwertee und Kopfhörern im Bett um einen Podcast zu hören.

Meine fast feierliche Zeremonie hat sich aber gelohnt. “Fest & flauschig” fängt genauso an, wie “Sanft und Sorgfältig” letzten Monat endete. Gewohnt wird gemeckert, gelabert und gealbert. Nach ein paar Wochen Pause gibt es bei Schulz und Böhmermann viel Gesprächsbedarf. So wird über Schuhe geredet, über das elendige Erdogan-Thema, aber auch die großen Fünf sind wieder mit dabei. Diesmal: Die großen fünf deutschen Imbissgericht. Kulinarisch also schon sehr hörenswert.

Fest & Flauschig

Natürlich wird auch der Wechsel zu Spotify thematisiert. Gleich zu Beginn betonen die Beiden, dass sie selbst auf den Streamingdienst zugegangen wären. Die weitere Zusammenarbeit mit der ARD scheiterte schlussendlich an 200 Euro, wie Böhmermann und Schulz sagen.

Quelle: Facebook-Page von Olli Schulz
Quelle: Facebook-Page von Olli Schulz

 

Nun genießen die beiden Moderatoren ihre neue Freiheit bei Spotify. Inklusive Werbekampagne, wie die beiden stolz erzählen. Bei Radio Eins, ihrer alten Radioheimat, wäre so etwas immer wieder abgelehnt worden, erklärt Böhmermann. Auch sonst wirken Beide mit dem neuen Arbeitgeber zufrieden, ohne ihn hochzuhalten. Das Korsett der Öffentlich-Rechtlichen ist Geschichte. Dadurch kann frei über alles geredet werden und weder Werbung noch Musik unterbricht den Dialog.

Alles halb so schlimm

Über “Fest & Flauschig” kann jeder meckern, wie er möchte. Einen inhaltlichen Unterschied zu vorher gibt es allerdings nicht. Nur die Art des Abspielens hat sich geändert. Auch in Zukunft wird es launige Folgen geben und richtig gute. Eben so, wie Böhmermann und Schulz gerade drauf sind. Ohne geschriebene Dialoge und eng geplanten Zeitplan. Olli und Jan halt.

Momentan ist der Podcast nur mit Android und iOS über die Spotify-App zu hören. Angeboten wird es derzeit nur in Deutschland und Österreich. Die Schweiz folgt bald. Auf Youtube findet Ihr aber nach wie vor alle Folgen.

 

 

Facebooks F8: Unmündigkeit durch Innovation?

Mark Zuckerberg stellt sich auf der F8 als Weltverbesserer dar. Und seine Pläne mit Facebook klingen beim ersten Hören großartig. Ob die zukünftigen Features unser Leben wirklich verbessern, stelle ich aber ernsthaft in Frage.

Facebook F8 Mark Zuckerberg
Quelle: facebook

 

F8 in San Francisco

Auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz hat Mark Zuckerberg einen 10-Jahres-Plan für Facebook vorgestellt. Dabei ging es nicht nur um Facebook allein, sondern auch um die eingekauften Plattformen wie Instagram und Whatsapp. Den Schwerpunkt der Veranstaltung setzte Zuckerberg auf die Vernetzung der Welt mit dem Internet. Laut Zuckerberg haben vier Millionen Menschen weltweit noch keinen Zugang zum Internet. Neben der schlichten regionalen Unverfügbarkeit, seien auch Kosten und Skepsis wichtige Punkte, die Menschen am Internetzugang hindern.

Ebenso wichtig war natürlich die weitere Entwicklung der Plattform Facebook, insbesondere des Messengers. In Zukunft sollen wir durch Bots Essen und andere Produkte bestellen können. Nachrichtenseiten sollen uns individuell News schicken können. Facebook hat bei dem Event die Freigabe der API verkündet, was bedeutet, dass Entwickler nun an ihren eigenen Bots arbeiten können, um diese bei Facebook zu integrieren.

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Riesige Wahnvorstellung

Wer Innovationen mag, wird die F8 mit riesigen Augen verfolgt haben. Die Zukunft fühlt sich so nah und begehrenswert an. Doch der Zuschauer kann das Event auch in einem anderen Licht betrachten.

Mark Zuckerberg möchte die Menschen nicht nur ins Internet, sondern auch zu Facebook und seinen Tochterfirmen bringen. Möglichst all unsere Begehren – von Anerkennung bis Lieferdienst – sollen von dem sozialen Netzwerk bedient werden. Das schafft Abhängigkeit. Als Produzent und Konsument von Inhalten müssen wir uns den Richtlinien unterwerfen. Wer durch Facebook Absatz generiert ist von jeder Änderung im Algorithmus direkt betroffen. Die künftig gewünschte Omnipräsenz von Facebook klingt wie eine riesige Wahnvorstellung und nicht nach glorreicher Zukunft.

“Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”

Doch nicht nur der Produzent wird in seiner Freiheit beraubt: In der Schule mussten wir wohl alle Kants Theorien lernen. Die Unmündigkeit der Menschen in der Vergangenheit war für mich damals schwer zu begreifen. Facebook und andere Internetdienste könnten diese Unmündigkeit zurückbringen.

Plattformen werden heute immer einfacher und intuitiver. Das erspart den Nutzer Zeit und Frust. Er muss aber auch weit weniger nachdenken. Wenn es um die reine Benutzung geht, ist simpel hervorragend. Wenn Algorithmen zukünftig unser Denken und Handeln bestimmen, ist es gefährlich.

Algorithmus statt Selbstständigkeit

Schon jetzt zeigt uns die Facebook-Timeline an, was uns interessieren könnte. Dadurch verpassen wir einen großen Teil der Inhalte, die unsere Freunde, aber auch Fanseiten posten. Bei recht irrelevanten Posts ist das egal. Bei Nachrichten, zum Beispiel die Berichterstattung über Wahlen, kann ein Informationsdefizit zum Problem werden.

Wenn der Facebook-Messenger für viele Menschen die einzige Bezugsquelle für Nachrichten wird, wird die Nachrichtenselektion noch undurchsichtiger. Mehr Nachrichten gehen für uns verloren. Weil der Automatismus uns das Interesse für Themen nicht zutraut oder uns bewusst nur Nachrichten anzeigt, die der Produzent verbreitet haben will.

Im Journalismus gibt es eine Theorie: Von 99 Prozent der Geschehnisse auf der Welt bekommt der Journalist/die Medien nichts mit. Und 99 Prozent der Dinge, die der Medienschaffende mitbekommt, werden nicht veröffentlicht, weil der Journalist den Nachrichtenwert für zu gering bewertet. In Zukunft reiht sich hinter dem publizierenden Medium noch eine Software, die die Nachricht bewertet und entscheidet, ob sie dem Leser angezeigt wird und wenn, an welcher Stelle. Unser Nutzungserlebnis wird dadurch personalisiert, aber vor allem beschnitten.

Und selbst wenn uns Bots und Algorithmen zukünftig genau das anzeigen, was uns interessiert, herausfordert und weiterbildet. Die Mündigkeit und Selbstbestimmtheit fehlt. Wir nutzen unsere Fähigkeit zu freien Informationsbeschaffenheit nicht mehr.

Und das kann nicht gut sein!

 

Amy&Pink: Von provokativen Inhalten zur Belanglosigkeit

Amy&Pink war im Netz lange allgegenwärtig. Der Mix aus nerdy Themen, dem lockeren Umgang mit Sexualität und überheblicher Coolness kam gut an und provozierte. Diese Zeiten sind lange vorbei.

Amy & Pink beschreibt sich selbst als eine der “innovativsten und mutigsten Online-Publikationen unserer Zeit“. Thematisch befasst sich das Online-Magazin mit Musik, Technik, schönen Frauen, viel Sex und zweifelhaften Trends.

Der Anfang

Ich hab Amy&Pink vor etwa 5 bis 6 Jahren entdeckt. Damals gab es Netzmädchen, Teen Little Missions und jede Woche tolle Blogtipps. Ich war jung, unerfahren und ins Internet verliebt. (Heute ist es ja eher eine Beziehung mit Höhen und Tiefen).

Ich fand die selbstbewussten Mädchen, die sich nackt in ihrer Wohnung zeigten unangepasst, selbstbewusst und wunderschön. Beim Lesen der Wochenendtipps fühlte ich mich selbst unheimlich langweilig und war begeistert von Marcels Humor und seiner Kreativität.

Ich hab jeden Artikel aufgesogen wie heute Gin Tonic. Ich will nicht übertreiben, aber es war meine kleine Bibel, die mir den Weg ins gr0ße Berlin erschloss.

Der Wandel

Als Fan von Amy&Pink war man jeher Gegenwind gewohnt. Kritische Kommentare zu den Themen, der Vorwurf der billigen Provokation und der Belanglosigkeit.

Vor drei, vier Jahren nannte sich Amy&Pink in “Neue Elite” um. Gründer und Herausgeber Marcel Winatschek war unzufrieden mit der vergangenen Entwicklung seines Blogs. “Neue Elite” sollte anders werden und scheiterte. Nach einem halben Jahr hieß alles wieder Amy&Pink. Danach wurde Amy&Pink englischsprachig. Danach wieder deutsch. Wieder englischsprachig. Seit ein paar Wochen ist es wieder deutschsprachig.

(Verzeiht mir, wenn ich was durcheinander geschmissen habe, meine Erinnerungen sind nur selektiv.)

Die Unzuverlässigkeit

Wer einen Blog hat – oder zumindest einen Instagram-Account – weiß, welch ein großes Risiko Umbenennung und Neuausrichtung mit sich bringen. Ich hab Marcel immer dafür bewundert, wie locker er solch ein Risiko auf sich nahm.

Was dein digitales Ich aber wirklich killt, ist Unzuverlässigkeit und Unregelmäßigkeit. In jedes Relaunch ist Marcel mit vielen Erwartungen und großen Ankündigungen gestartet, um sie alle ein paar Wochen später wieder auf den Haufen zu werfen. Aber ohne es zu kommunizieren.

Ein Blog, darf, ja muss sogar frei sein. Es muss nicht alles getaktet sein oder perfekt. Doch wer sich selbst Magazin nennt, seine Seite mit Werbung zuklatscht, erweckt gewissen Erwartungen. Diese ständig zu enttäuschen, kratzt am Image. Statt jung, provokativ und neu wirkt es aufgesetzt, unschlüssig und naiv.

Das Heute

Zurzeit nennt sich Amy&Pink im Untertitel”die neue Stimme“. Wofür die Seite aber genau steht, könnte ich euch nicht mehr sagen. Die Themenmischung ist wirr, keine Meinung mehr erkennbar. Und die Werbung hat die Überhand gewonnen. Die Seite wirkt lieblos, versucht durch Artikel wie “Warum ich gut im Schwänze lutschen bin – und du nicht” zu provozieren. Nur das es heute kaum noch jemanden zu interessieren scheint.

Amy&Pink war die Stimme einer Generation – heute ist es nur noch ein krätzenes Flüstern.

Einen guten Text über Amy&Pink, deren Wandel zu “Neue Elite” und zurück gibt es übrigens bei meedia.

 

Warum die Insolvenz von American Apparel schrecklich ist

American Apparel war jahrelang seiner Zeit voraus. Mode von der Stange für Menschen, die sich dem Mainstream nicht zugehörig fühlen. Nun hat das Textilienunternehmen Insolvenz angemeldet. Ein Kommentar.

American Apparel. Das sind doch die mit den halbangezogenen Models in engen Bodies. Die Kleidung, die mehr nach Gymnastik, als nach Mode aussieht. Das Unternehmen, das mit beschamhaarten Schaufensterpuppen schockierte.

Das Textilunternehmen wurde 1997 in Amerika gegründet. Damals war der Leitfaden von AA innovativ: Faire, in Amerika produzierte Mode zu bezahlbaren Preisen. Auch wenn es die Kleidung an der Stange zu kaufen gibt, so sieht sie lange nicht so aus. Die Kleidung ist hauteng, bedeckt häufig nur kleinteilig die privaten Zonen.

American Apparel war damals seiner Zeit voraus. Mittlerweile wurde das Unternehmen von der Zeit überholt; gar überrollt. Auch wenn ich die Kleidung oft belächelt habe, so droht doch eines der wichtigsten Modelabels der Jetztzeit unter zugehen.

American Apparel kämpft sein jeher gegen das gängige Schönheitsideal ohne dafür Applaus einzufordern. Die Models ähneln nicht den Laufstegpilgerinnen oder den Plakatschönheiten. Es sind Frauen aus der Wirklichkeit, die sich auch mal unvorteilhaft in den viel zu engen Bodies räkeln. Immer provokant, aber nie nach Aufmerksamkeit bettelnd.

2013 wollte American Apparel eines der bescheuersten Tabus unserer Zeit brechen: Das Schamhaar. Die Schaufenster in New York wurden von Puppen ohne abrastiertes Scham geschmückt, das kess unter der Unterwäsche hervorlugte. Obwohl Sex Sells längst ein Marekting-Garant ist, sorgten die Schaufenster weltweit für Empörung. In einer Gesellschaft, in denen schon jungen Mädchen eingebläut wird, Behaarung – außer auf dem Kopf – sei eklig, war das ein mutiger und wichtiger Schritt.

Doch am Wichtigsten sind wohl die Arbeitsbedingungen unten denen AA seine Kleidung fertigt. Eingenäht in den Pullis und Shirts ist nicht etwa ein “Made in Bangladesh”-Emblem, sondern “Made in USA”. AA produziert in Los Angeles und setzt sich dort stark für die Rechte von Immigranten ein. So zahlt das Unternehmen den doppelten Mindestlohn und bietet den Beschäftigten eine Krankenversicherung.

Auch wenn die Insolvenz nicht das Ende von American Apparel bedeutet, so sollte es uns doch in Aufruhr versetzten. Läden, die rein von Profit getrieben Umwelt und Menschenrechte vergessen, haben modeliebende Fans ohne Ende, während die Pioniere dabei sind unterzugehen.

Quellen:

American Apparel: About us

Zeit Magazin: Gegen die Wand von Alex Bohn

Spiegel Online: Schamhaar-Provokation in New York